Der Glacier Express ab dem Berner Oberland: ein realistischer Leitfaden
Panoramazüge

Der Glacier Express ab dem Berner Oberland: ein realistischer Leitfaden

Quick Answer

Kann man den Glacier Express ab Interlaken nehmen?

Nicht direkt. Sie fahren mit einem normalen Zug von Interlaken Ost nach Spiez oder Zweisimmen und steigen dort in den Glacier Express um, oder reisen über Brig; die komplette Strecke Zermatt–St. Moritz dauert etwa 8 Stunden, und die Sitzplatzreservierung im Panoramawagen ist ganzjährig Pflicht, nicht optional.

Der Glacier Express wird als eine einzige durchgehende Fahrt von Zermatt nach St. Moritz vermarktet, und auf den Hochglanzfotos sieht es immer so aus, als könnte man einfach ab Interlaken einsteigen. Das geht nicht. Der Zug kommt den eigenen Bahnhöfen des Berner Oberlands nie nahe, und der Einstieg von hier aus bedeutet mindestens einen, meist zwei gewöhnliche Regionalzüge, bevor man überhaupt einen Wagen des Glacier Express erreicht. Das macht die Fahrt nicht schlecht — es macht sie zu einer Fahrt, die man richtig planen sollte, und genau dafür ist dieser Leitfaden da.

Wo die Strecke tatsächlich verläuft

Der Glacier Express verbindet Zermatt und St. Moritz (manche Winterverbindungen fahren weiter bis Davos), eine Strecke von rund 290 Kilometern, die in etwa 8 Stunden zurückgelegt wird, mit Halt in Brig, der Gegend um Andermatt, Disentis und Chur. Diese Route verläuft ausschließlich im Bahneinzugsgebiet der Kantone Wallis, Uri, Graubünden und Tessin — nirgends in der Nähe von Interlaken, dem Thunersee oder der Jungfrau-Region.

Um einzusteigen, fahren Sie zunächst mit einem normalen InterRegio- oder RegioExpress-Zug. Die zwei praktischen Verbindungen ab Interlaken Ost sind:

  • Über Spiez und Zweisimmen, mit Einstieg in den Glacier Express in Zweisimmen (etwa 1 Stunde 10 ab Interlaken Ost inklusive Umsteigen in Spiez).
  • Über Spiez, Visp und Brig, mit Einstieg in den Glacier Express in Brig (etwa 1 Stunde 45 ab Interlaken Ost).

Keine der beiden Verbindungen wird als „Glacier Express” angekündigt, bis Sie bereits im Panoramazug selbst sitzen — die Regionalabschnitte verkehren mit gewöhnlichem Rollmaterial und gewöhnlicher Bestuhlung, für die keine Reservierung nötig ist.

Die Platzreservierung, an der Sie nicht vorbeikommen

Das ist der Punkt, an dem die meisten Reisenden stolpern: Bahnfahrpreis und Platzreservierung werden getrennt verkauft, und die Reservierung ist ganzjährig Pflicht, nicht nur im Sommer. Ein Swiss Travel Pass oder ein Punkt-zu-Punkt-Ticket deckt nur die eigentliche Fahrt ab — einen Platz im Glacier Express deckt er nie.

Die Reservierungsgebühren verteilen sich auf drei Stufen:

ZeitraumReservierungsgebühr (pro Person)
Winter (Nebensaison)rund CHF 33
Zwischensaisonrund CHF 36
Sommer (Mai–Oktober)rund CHF 39

Reservierungen öffnen rund sechs Monate im Voraus und sollten für Juli, August sowie das Fenster zwischen Weihnachten und Neujahr so früh wie möglich vorgenommen werden, denn Panoramawagen-Plätze auf den Abschnitten Andermatt–Chur und Chur–St. Moritz sind ein bis zwei Wochen vorher ausgebucht. Über das eigene Reservierungssystem des Glacier Express können Sie einen bestimmten Abschnitt und eine bestimmte Fensterseite wählen (die Aussicht in Ost- und Westrichtung unterscheidet sich, und Fensterplätze sind zuerst vergeben).

Wenn Sie nur einen landschaftlichen Abschnitt fahren möchten statt der gesamten Strecke, buchen Sie trotzdem eine Reservierung nur für diesen Abschnitt — es gibt keine Rabattstruktur für kürzere Fahrten, die Gebühr wird pro Abschnitt festgelegt, nicht pro Gesamtstrecke.

Der Tag in Etappen

Ein Tagesausflug ab Interlaken mit einem reizvollen Abschnitt — etwa Zweisimmen nach Brig, dann über Spiez zurück nach Interlaken auf der normalen Strecke — sieht ungefähr so aus:

UhrzeitEtappe
07:40Abfahrt Interlaken Ost, Regionalzug nach Spiez
08:10Umsteigen in Spiez, Regionalzug nach Zweisimmen
08:55Ankunft Zweisimmen, Einstieg in den Glacier Express
09:02Abfahrt Glacier Express ab Zweisimmen
09:02–11:20Simmental, Seitenblick auf Lenk, Aufstieg zur Lötschberg-Rampe
11:20Ankunft Brig
12:10Regionalzug Brig nach Spiez (durch den Lötschberg-Basistunnel)
13:15Umsteigen in Spiez, Regionalzug nach Interlaken Ost
13:45Ankunft Interlaken Ost

Diese Variante kostet einen Bruchteil des vollen Tickets samt Reservierung für die Strecke Zermatt–St. Moritz und bietet trotzdem den Panoramawagen, die großen Fenster und den Service an Bord — was fehlt, ist der Oberalppass, der Abschnitt, den die meisten vor Augen haben, wenn sie „Glacier Express” hören.

Die komplette Strecke Zermatt–St. Moritz als Tagesausflug ab Interlaken zu fahren, ist unrealistisch: Allein die Anreise dauert 3 bis 4 Stunden, bevor der Glacier Express überhaupt in Zermatt abfährt, die Fahrt selbst dauert 8 Stunden, und die Rückreise kommt mit weiteren 3 bis 4 Stunden dazu — 15 bis 16 Stunden Reisezeit an einem Tag, größtenteils in Zügen, die man schon halb gesehen hat. Reisende, die die komplette Strecke richtig erleben möchten, übernachten meist ein oder zwei Nächte in Zermatt oder St. Moritz, statt sie als Tagesausflug ab Interlaken zu behandeln.

Mittagessen an Bord: Was es kostet, was es ist

Der Restaurantservice des Glacier Express bringt ein Menü an Ihren Platz, üblicherweise drei Gänge, von einer festen Karte statt à la carte. Die Preise liegen je nach Saison und Menü bei rund CHF 48 bis CHF 58, Wein, Kaffee und andere Getränke werden zusätzlich berechnet. Ein einfacherer Snack- und Getränkewagen fährt ebenfalls durch die Wagen für alle, die keinen vollen Gang möchten.

Ehrlich gesagt: Es ist praktisch, nicht unvergesslich. Die Küche ist ein kompakter Kombüsenwagen, der für einen ganzen Zug kocht, und das Essen entspricht solidem Hotel-Bankett-Niveau statt einem Erlebnis für sich. Der eigentliche Wert liegt im Timing — der Mittagsservice ist meist für den flacheren, langsameren Abschnitt bei Andermatt oder auf dem Weg nach Chur eingeplant, sodass Sie keine Fensterzeit gegen das Essen eintauschen und das Anstehen an einem Bahnhofsrestaurant während eines knappen Umstiegs vermeiden. Wenn das Budget wichtiger ist als der Komfort, ist ein selbst mitgebrachtes Mittagessen mit einem Kaffee vom Wagen eine völlig normale Wahl, die auch andere Fahrgäste treffen.

Was Sie wirklich sehen — und was nicht

Der landschaftlich stärkste Abschnitt der gesamten Strecke ist die Überquerung des Oberalppasses zwischen Andermatt und Disentis, auf rund 2.033 Metern Höhe, wo der Zug auf Zahnradantrieb umschaltet und sich das Tal zu hochalpinem Gelände öffnet, mit dem ehemaligen Becken des Rheingletschers darunter. Die andere bekannte Höhepunkt ist das Landwasserviadukt bei Filisur, eine sechsbogige Kalksteinbrücke, die der Zug in großer Höhe überquert, bevor er direkt in einen in den Fels geschlagenen Tunnelmund verschwindet.

Von der Seite des Berner Oberlands aus sieht das Bild anders aus. Die Strecke Spiez–Zweisimmen durchs Simmental ist reizvolles Bauernland und bewaldetes Hügelland — durchaus angenehm, aber näher an dem, was Sie schon auf dem Weg nach Gstaad oder Adelboden sehen, als an irgendetwas in der Nähe des Oberalppasses. Steigen Sie stattdessen in Brig ein, überspringen Sie das Simmental, verpassen aber auch den Abschnitt, den viele Fahrgäste am höchsten bewerten, denn die Anfahrt durchs Rhonetal nach Brig ist streckenweise breit und industriell geprägt.

Kurz gesagt: Fahrgäste, die in Zweisimmen oder Brig einsteigen und vor Andermatt wieder aussteigen, sehen das am wenigsten spektakuläre Drittel der Strecke. Der Teil, der den Ticketpreis wert ist, liegt östlich von Andermatt, und ihn ab Interlaken zu erreichen, kostet zusätzliche Reisezeit an einem ohnehin schon langen Tag.

Alternativen, die näher an der Haustür beginnen

Drei andere Panoramastrecken starten deutlich näher an Interlaken Ost und bieten ein vergleichbares Erlebnis mit großen Fenstern und Landschaftsansagen, ohne den mehrstufigen Umstieg:

  • Der Luzern-Interlaken Express fährt direkt von Interlaken Ost nach Luzern über den Brünigpass in etwa 1 Stunde 50, überquert den Brünig-Gipfel und streift den Brienzersee und den Vierwaldstättersee — kein Umstieg nötig.
  • Die GoldenPass Line verbindet Interlaken über Zweisimmen und Gstaad mit Montreux, rund 3 Stunden, mit Panoramawagen auf Teilen der Strecke und dem Genfersee am anderen Ende.
  • Das Netz der Berner Oberland-Bahnen deckt die kürzeren, ebenso reizvollen Strecken Interlaken–Lauterbrunnen–Grindelwald ab, falls ein ganztägiges Panorama-Engagement nicht das Richtige ist.

Wenn nicht der Zug, sondern das Ziel selbst im Vordergrund steht, dauert ein direkter Tagesausflug nach Zermatt mit gewöhnlichen Schnellzügen über Spiez und Visp etwa 2 Stunden 15 pro Strecke — das lässt einen ganzen Tag übrig, um mit der Gornergratbahn für Matterhorn-Ausblicke zu fahren, statt diesen Tag mit dem Umsteigen zu einem Zug zu verbringen, der ganz woanders startet.

Zusatzangebote auf der Zermatt-Seite buchen

Da die meisten Interlaken-Besucher ohnehin Zermatt berühren, um zur westlichen Endstation des Glacier Express zu gelangen, lohnt es sich, die Bergausflüge dort im Voraus zu buchen, statt am Tag selbst anzustehen.

Ein Zahnradbahn-Ticket auf den Gornergrat deckt den klassischen Matterhorn-Aussichtspunkt oberhalb von Zermatt ab, und Reisende aus weiter entfernten Regionen kombinieren das Ganze manchmal zu einer geführten Tagestour zum Glacier Express und nach Luzern ab Zürich oder buchen einen privaten Transfer von Zürich zur Station Matterhorn Glacier Paradise in Zermatt, was die Verbindungsplanung komplett entfällt, allerdings zum Preis eines festen Gruppenprogramms.

Praktischer Vergleich

OptionUngefähre Dauer ab Interlaken OstReservierung nötigAm besten für
Kompletter Glacier Express Zermatt–St. Moritz8 Std. Fahrt + 3–4 Std. Anreise pro StreckeJa, PflichtEine eigene Mehrtagesreise, kein Tagesausflug
Ein Abschnitt (Zweisimmen–Brig)Halbtägiger Ausflug, insgesamt etwa 6 Std.Ja, für diesen AbschnittEin Vorgeschmack auf das Panoramaerlebnis
Luzern-Interlaken Express1 Std. 50 direktIm Sommer empfohlenLandschaftliche Fahrt am selben Tag ohne Umstieg
GoldenPass Line nach MontreuxEtwa 3 Std., fast direktIm Sommer empfohlenGenfersee kombiniert mit der Fahrt
Tagesausflug Zermatt (gewöhnlicher Zug)2 Std. 15 pro StreckeNeinMatterhorn-Ausblicke statt Zugausblicke

Buchungshinweise und Timing

Reservierungen öffnen rund sechs Monate im Voraus über den offiziellen Buchungskanal des Glacier Express, getrennt von der eigenen Fahrplan- und Ticket-App der SBB, wobei der eigentliche Bahnfahrpreis weiterhin über SBB-Tickets und -Pässe gebucht oder abgedeckt werden kann. Prüfen Sie Ihre Umsteigezeiten in Spiez gegen die konkrete gebuchte Glacier-Express-Abfahrt — die Regionalzüge ab Interlaken Ost fahren nach ihrem eigenen regelmäßigen Takt und warten nicht auf eine verspätete Anschlussverbindung. Ein Puffer von 20 bis 30 Minuten in Spiez ist die verlorene Wartezeit wert, wenn er verhindert, dass Sie eine nicht erstattungsfähige Reservierung wegen eines verpassten Zuges verlieren.

Winterreisende sollten außerdem den Fahrplan der Bergbahnen für Öffnung und Schließung beachten — hier sozusagen umgekehrt: Der Glacier Express selbst verkehrt ganzjährig, aber die Anschlussausflüge an beiden Enden (Gornergrat, Matterhorn Glacier Paradise) können im Frühjahr und Herbst wegen Wartungsarbeiten geschlossen sein, prüfen Sie das also separat, falls es Teil derselben Reise ist.

Häufig gestellte Fragen zum Glacier Express ab Interlaken

Startet der Glacier Express in Interlaken?

Nein. Der Glacier Express verkehrt zwischen Zermatt und St. Moritz (oder Davos) mit Halt in Brig, Andermatt und Chur. Ab Interlaken Ost fahren Sie mit einem normalen Zug weiter, meist über Spiez und Zweisimmen oder über Spiez und Brig, und steigen dann unterwegs oder in Brig in den bereits fahrenden Glacier Express um.

Ist die Platzreservierung wirklich Pflicht?

Ja. Jeder Sitzplatz in den Panoramawagen erfordert eine kostenpflichtige Reservierung, die separat von jedem Swiss Travel Pass oder Bahnticket gebucht wird. Im Juli und August sowie rund um Weihnachten und Neujahr sind Reservierungen für die beliebten Abschnitte ein bis zwei Wochen im Voraus ausgebucht.

Wie viel kostet der Glacier Express insgesamt?

Kalkulieren Sie mit drei getrennten Kosten: dem eigentlichen Bahnfahrpreis (durch einen Swiss Travel Pass gedeckt oder streckenweise bezahlt), der Platzreservierung (je nach Saison und Klasse rund CHF 33 bis CHF 39) und dem Mittagessen, falls gewünscht (ein Dreigang-Menü kostet etwa CHF 48 bis CHF 58, Getränke extra).

Lohnt sich das Mittagessen an Bord?

Es ist praktisch, aber nicht herausragend: ein Dreigang-Menü wird am Platz serviert, während der Zug oft auf dem langsamsten, geradesten Abschnitt bei Andermatt oder Chur unterwegs ist. Es erspart Ihnen das Anstehen an den Bahnhofsrestaurants in Brig oder Chur, ist aber für ein gefangenes Publikum kalkuliert, nicht für die Küche.

Was sieht man von der Seite Interlakens auf der Strecke wirklich?

Fast nichts, was Interlaken selbst nicht schon zeigt. Der landschaftlich stärkste Abschnitt ist der Oberalppass zwischen Andermatt und Disentis, weit östlich des Berner Oberlands; die Strecke Spiez–Zweisimmen durchs Simmental ist angenehmes Bauernland, aber kein hochalpines Schauspiel.

Geht das als Tagesausflug ab Interlaken?

Nur, wenn man einen Teil der Strecke fährt und wieder umkehrt, denn die komplette Strecke Zermatt–St. Moritz plus Rückweg würde 15 bis 16 Stunden Reisezeit bedeuten. Die meisten Interlaken-Besucher fahren stattdessen einen landschaftlich reizvollen Abschnitt, meist Zweisimmen–Brig oder Andermatt–Chur.

Deckt der Swiss Travel Pass den Glacier Express ab?

Ein Swiss Travel Pass deckt den eigentlichen Bahnfahrpreis für die enthaltenen Abschnitte ab, also den Großteil der Strecke. Die Platzreservierung ist nie enthalten und wird von jedem Fahrgast unabhängig vom Pass separat bezahlt.

Ist der Bernina Express die bessere Wahl ab Interlaken?

Nicht wirklich, denn der Bernina Express startet noch weiter entfernt, in Chur oder Lugano. Wenn die Zeit knapp ist, bieten der Luzern-Interlaken Express oder die GoldenPass Line ein vergleichbares Panoramaerlebnis mit einer deutlich kürzeren Anreise ab Interlaken Ost.

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