Der Thunersee geniesst nicht den Postkartenruf des türkisfarbenen Wassers des Brienzersees, und genau das ist der Punkt. Er ist der Arbeitssee des Berner Oberlands — Raddampfer aus einer Zeit, als Dampf noch die moderne Art zu reisen war, vier Schlösser, an denen man vorbeifährt statt Schlange zu stehen, und Dörfer, in denen die Menschen zum Baden hingehen, statt sich beim Baden fotografieren zu lassen. Wer einen Tag abseits von Interlakens Reisebussen sucht, der sich trotzdem nach Schweiz anfühlt und nicht nach Freilichtmuseum, ist hier richtig.
Aufs Wasser: die Raddampfer
Die Schiffe auf dem Thunersee werden von der BLS betrieben, demselben Unternehmen, das auch die Züge der Region führt, und die Flotte umfasst noch echte Raddampfer — die DS Blüemlisalp, Baujahr 1906, ist das älteste noch fahrende Exemplar auf dem See und verkehrt im Sommer regelmässig. Die Schaufelräder sind vom offenen Heckdeck aus sichtbar — den Weg dorthin lohnt sich auch, wenn man sich nicht besonders für Technik interessiert.
Die Schiffe legen ab Interlaken West ab, auf der Seite Richtung Thunersee, nicht Interlaken Ost — also unbedingt vorher prüfen, welchen Bahnhof man braucht, sonst drohen ein 15-minütiger Fussmarsch oder eine verpasste Abfahrt. Die ganze Strecke von Interlaken West nach Thun dauert etwa zwei bis zweieinhalb Stunden mit rund zehn Zwischenhalten; eine kürzere Teilstrecke Interlaken–Spiez oder Thun–Oberhofen dauert 30–60 Minuten, wenn man die Atmosphäre ohne einen ganzen Nachmittag will.
Ausserhalb der Hauptsaison lichten sich die Fahrpläne deutlich. Von April bis Oktober gibt es mehrere Abfahrten täglich; von November bis März sinkt das Angebot auf wenige Fahrten oder wird auf manchen Strecken ganz eingestellt — das ist also eindeutig eine Aktivität für das Sommerhalbjahr. Die zweite Klasse einfach von Interlaken West nach Thun kostet rund CHF 40, doch die Schiffe sind vollständig durch den Swiss Travel Pass abgedeckt, und Inhaber der Half Fare Card zahlen 50 % — ein Punkt, den man einbeziehen sollte, wenn man ohnehin eines von beidem für die Züge dabei hat.
Alle Einzelheiten zu Routen, Anlegestellen und aktuellen Preisen stehen im Leitfaden zu den Thunersee-Schifffahrten, und die Geschichte der Flotte — samt der übrigen erhaltenen Raddampfer auf Brienzersee und Vierwaldstättersee — wird im Leitfaden zu den Raddampfern des Berner Oberlands behandelt.
Die Schlösser am Ufer
Vier Schlösser liegen nah genug am Wasser, dass man sie vom Schiffsdeck aus sieht, ob man anlegt oder nicht — und jedes bietet einen anderen Besuch.
Schloss Thun thront auf dem Hügel über der Thuner Altstadt, eine echte mittelalterliche Burg mit Museum im Inneren und einer Dachterrasse mit Blick über die überdachte Einkaufsstrasse und den See. Es ist das grösste der vier Schlösser und lässt sich am einfachsten mit einem Bummel durch Thun selbst verbinden.
Schloss Oberhofen, im Dorf Oberhofen, ist vom Wasser aus das fotogenste — ein Türmchenbau, fast in den See gebaut, mit einem englischen Garten, der auch ausserhalb der Museumsöffnungszeiten öffentlich zugänglich ist. Das Innenmuseum hat eine kürzere Saison, meist von Mai bis Oktober.
Schloss Hünegg, ein kurzer Fussweg von Oberhofen entfernt, ist kleiner und weniger besucht — und gerade deshalb reizvoll: Das Innere ist fast genau so eingerichtet, wie eine wohlhabende Familie es um 1900 zurückliess, samt Belle-Époque-Tapeten, statt als generisches Museum kuratiert zu sein.
Schloss Spiez, am gegenüberliegenden Ufer in Spiez, vereint eine romanische Kirche, einen Steinturm auf einer kleinen Halbinsel und eine Seeterrasse, die zugleich einer der besseren Mittagsplätze am See ist — der Blick die von Reben gesäumte Uferlinie hinunter ist der Grund, warum man hier länger bleibt, als das Schloss allein rechtfertigen würde.
Der Eintritt kostet jeweils etwa CHF 8–12, und keines der Schlösser erfordert ausserhalb einiger Sommerwochenenden eine Voranmeldung.
Baden im Juli und August
Das unterschätzen viele Besucher. Jede Stadt und jedes Dorf am Thunersee hat ein öffentliches Strandbad — Rasen oder Kies, Umkleiden, ein oder zwei Sprungtürme und gratis oder fast gratis Eintritt —, und Einheimische nutzen sie den ganzen Sommer über wie anderswo ein öffentliches Schwimmbad. Das Strandbad Thun, direkt unterhalb des Schlosshügels, ist das grösste und meistbesuchte. Spiez hat ein kleineres Bad beim Hafen mit dem Schloss als Kulisse. Merligen und Oberhofen haben beide ruhigere Liegewiesen am See, die selbst im August selten überlaufen wirken.
Die Wassertemperatur hängt stark vom Jahr und vom aktuellen Wetter ab — der See wird von Gletscherschmelzwasser aus der Kander und anderen Alpenflüssen gespeist, sodass ein paar Tage starken Regens in den Bergen die Temperatur auch mitten im Sommer spürbar senken können. In einem normalen Juli oder August liegt die Oberflächentemperatur bei etwa 20–23 °C; Juni und September sind badbar, aber merklich kühler — an einem warmen Nachmittag lohnt es sich, nachzuschauen statt es anzunehmen. Das vollständige Bild, samt Vergleich von Thunersee und Brienzersee bei Temperatur und Klarheit, steht im Bade-Leitfaden für beide Seen.
Schiff-Zug-Verbindungen und Fortbewegung
Der praktische Vorteil des Thunersees ist, dass Schiffe und Züge nach demselben Fahrplan-System verkehren, sodass man hinfahren und auf dem anderen Weg zurückkommen kann, ohne lange zu warten. Ein üblicher Tagesplan: Zug von Interlaken West nach Thun (etwa 20–25 Minuten), Altstadt und Schloss erkunden, dann mit dem Schiff zurück nach Interlaken mit Halt in Oberhofen oder Spiez unterwegs. Wer die langsame Etappe lieber zuerst macht, solange man noch frisch ist, dreht die Reihenfolge um.
Regionalzüge entlang des Nordufers halten in Interlaken, Unterseen, Spiez und Thun mit einer Fahrzeit von deutlich unter einer halben Stunde von Ende zu Ende, und Busse schliessen die Lücken zu Dörfern, die Züge nicht direkt erreichen, etwa Merligen und Sigriswil. Ein Auto braucht man dafür nicht — im Gegenteil, es ist auf den engen Uferstrassen bei Sigriswil und Beatenberg eher hinderlich, wo die Kehren für ortskundige Busfahrer gebaut sind, nicht für Erstbesucher, die die Strecke zum ersten Mal testen.
Das gesamte Netz aus Zügen, Bussen und Schiffen rund um beide Seen ist im Verkehrsleitfaden für die Region abgebildet, und die Passoptionen werden im Swiss-Travel-Pass-Leitfaden im Detail verglichen.
Tageskarten und Pässe, die man kennen sollte
Wer in Interlaken oder Unterseen übernachtet, erhält vom Hotel fast sicher eine Gästekarte, die die lokalen Busse rund ums Bödeli ohne Zusatzkosten abdeckt — nützlich, um den Schiffsanleger Interlaken West oder nahegelegene Haltestellen zu erreichen, deckt aber die Seeschiffe selbst nicht ab. Für Schiffe und Regionalzüge zusammen deckt ein Berner-Oberland-Regionalpass oder ein Swiss Travel Pass den Thunersee vollständig ab; ein einzelner Saver Day Pass der SBB ist die bessere Wahl, wenn man nur die Zugetappen braucht und das Schiff separat bezahlen will.
Für die Planung wichtig: Anders als beim Brienzersee, wo das Schiffsnetz kleiner und rein landschaftlich ausgerichtet ist, dient die Thunersee-Schifffahrt gleichzeitig als echter öffentlicher Verkehr für Pendler zwischen den Seedörfern und Thun — die Fahrpläne laufen deshalb auch ausserhalb der touristischen Stosszeiten in den Sommermonaten zuverlässig, dünnen sich aber sobald der Oktober endet schnell aus.
Linkes vs. rechtes Ufer: zwei verschiedene Seen
Einheimische sprechen von den beiden Ufern des Thunersees, als wären es unterschiedliche Orte, und funktional sind sie es auch.
Das Nordufer — von Interlakens Rand über Sundlauenen, Merligen, Gunten, Sigriswil, Hilterfingen und Oberhofen bis Thun — ist dort, wo sich das meiste Sightseeing abspielt. Die St.-Beatus-Höhlen, erreichbar ab Sundlauenen, sind ein kurzer Fussweg oberhalb der Schiffsanlegestelle und schon allein wegen des Wasserfalls am Eingang einen Abstecher wert, auch ohne die Schauhöhlen zu besuchen. Dieses Ufer hat zudem die dichtere ÖV-Anbindung, die meisten Schlösser und die postkartentauglichsten Dörfer — was bedeutet, dass an einem sonnigen Samstag auch mehr Tagesausflugsverkehr herrscht.
Das Südufer — Spiez, Faulensee, Krattigen, Leissigen — liegt unter der Niesen-Pyramide und wirkt deutlich ruhiger. Spiez selbst, mit Schloss, Hafen und Rebterrassen, ist der einzige wirklich stadtgrosse Halt; dahinter sind die Dörfer klein, wohnlich geprägt und werden meist von Einheimischen genutzt statt von Tagesbesuchern. Wer ein Mittagessen mit Aussicht ohne Menschenmassen sucht, ist auf dieser Seite in der Hochsaison zuverlässiger bedient als am Nordufer.
Keines der beiden Ufer ist objektiv “besser” — das Nordufer belohnt einen Tag voller Stopps und Besichtigungen, das Südufer belohnt Entschleunigung und das Verweilen an einem Ort. Ein Dreitagesplan, der beide Seen richtig nutzt, statt einen davon in einem Nachmittag abzuhaken, ist in der Itinerar für zwei Seen und Dörfer beschrieben; wer entscheiden will, welcher der beiden Seen mehr Zeit verdient, findet den direkten Vergleich im Leitfaden Thunersee vs. Brienzersee.
Zwei Wege, den See jenseits des Schiffs zu erleben
Der Raddampfer ist die klassische Art, den Thunersee zu erleben, aber nicht die einzige. Eine geführte Kreuzfahrt, die die Schifffahrt mit einem Halt bei den St.-Beatus-Höhlen und einem Picknick verbindet, nimmt einem das Fahrplan-Jonglieren komplett ab — praktisch, wenn man die Verbindungen nicht selbst herausfinden möchte: Die Thun- und Beatus-Höhlen-Seekreuzfahrt ab Basel deckt dieselbe Route ab wie ein selbst geplanter Tag, aber als einzelnes gebuchtes Paket inklusive Käseverkostung — passend für Besucher, die weiter entfernt wohnen und den Thunersee als eintägigen Zusatz statt als Standort wollen.
Für ein ganz anderes Tempo folgen E-Bike-Routen Teilen des Uferradwegs durch Obstgärten und an kleineren Dörfern vorbei, die das Schiff nicht erreicht — die Interlaken-Seen-und-Ruinen-E-Bike-Tour und die Talroute per E-Bike durch Flüsse, Seen und Wälder verarbeiten beide das Gelände rund um das Thunersee-Ufer zu einer Halbtagestour — eine sinnvolle Art, zwei oder drei Dörfer zu verbinden, ganz ohne sich nach Schiffs- oder Busfahrplänen zu richten.
Vollständige Radrouten, Distanzen und Vermietstellen stehen im Leitfaden zu Rad- und E-Bike-Routen in Interlaken.
Häufige Fragen zum Thunersee
Kann man im Thunersee wirklich baden?
Ja, und Einheimische tun es jeden Sommerabend. Öffentliche Strandbäder in Thun, Spiez, Merligen und Oberhofen bieten Liegewiese, Umkleiden und Seezugang, meist gratis oder für ein paar Franken Eintritt. Das Wasser erreicht Ende Juli und im August rund 20–23 °C; im Juni und nach starkem Regen ist es spürbar kälter, da der See von alpinem Schmelzwasser gespeist wird.
Ist die Thunersee-Schifffahrt im Swiss Travel Pass enthalten?
Ja. Der Swiss Travel Pass deckt die BLS-Schiffe kostenlos ab, genau wie die Züge. Inhaber der Half Fare Card zahlen 50 %. Ohne beides kostet eine einfache Fahrt über den ganzen See von Interlaken West nach Thun rund CHF 40 in der zweiten Klasse — der Pass rechnet sich also schnell, wenn man ohnehin die Regionalzüge nutzt.
Wie lange dauert die ganze Schifffahrt von Interlaken nach Thun?
Etwa zwei bis zweieinhalb Stunden pro Strecke, je nachdem, wie viele der rund zehn Zwischenhalte das Schiff anläuft. Es ist eine landschaftliche Überfahrt, keine schnelle — man sollte sie als Erlebnis an sich betrachten, nicht nur als Transportmittel nach Thun.
Welche Schlösser kann man am Thunersee besichtigen?
Schloss Thun (die mittelalterliche Burg über der Thuner Altstadt), Schloss Oberhofen (am See gelegen, mit öffentlich zugänglichen Gärten), Schloss Hünegg (Belle-Époque-Interieur, eingerichtet wie um 1900 verlassen) und Schloss Spiez (romanische Kirche und Seeterrasse) sind saisonal, etwa von April bis Oktober, für Besucher geöffnet.
Ist das Nord- oder das Südufer des Thunersees besser für einen Besuch?
Das Nordufer — Merligen, Sigriswil, Gunten, Hilterfingen, Oberhofen — hat die meisten Schlösser, die St.-Beatus-Höhlen und die besseren Schiffs- und Bahnverbindungen. Das Südufer rund um Spiez und Faulensee ist ruhiger, liegt unter der Niesen-Pyramide und eignet sich besser für ein gemütliches Mittagessen mit Aussicht als für Sightseeing-Stopps.
Fahren die Thunersee-Schiffe auch im Winter?
Meist nicht. Der volle Saisonfahrplan gilt etwa von April bis Oktober; von November bis März wird der Betrieb auf einige wenige Linien reduziert oder je nach Jahr ganz eingestellt. Vor einem Winterbesuch rund um die Schiffe den BLS-Fahrplan prüfen.
Kann man rund um den Thunersee Rad fahren?
Ja, eine ausgeschilderte Route führt fast den ganzen See entlang und mischt ruhige Wege mit kurzen Abschnitten auf stärker befahrenen Strassen bei Thun und Spiez. Angesichts der Distanz (rund 45 km für die ganze Runde) und einiger kurzer Anstiege am Nordufer sind E-Bikes die praktische Wahl.


