Warum die meisten Besucher daran vorbeilaufen
Jeder Zug in die Jungfrau-Region, jedes Kursschiff, jeder Zahnradbahn-Flyer weist Richtung Höheweg, Hohematte-Wiese und die beiden Bahnhöfe Interlakens. Kaum jemand blickt über den Fluss nach Unterseen, obwohl es älter als Interlaken ist und die einzige echte Altstadt auf dem Bödeli besitzt, dem flachen Landstreifen zwischen Thunersee und Brienzersee.
Interlaken selbst war nie eine Stadt im mittelalterlichen Sinn – es entstand aus einer Augustinerpropstei und später aus Hotels, die für die Touristen des 19. Jahrhunderts gebaut wurden. Unterseen wurde 1279 von Berchtold von Weissenburg als befestigte Stadt gegründet, mit eigenen Mauern, eigener Kirche und eigenem Rat, und behielt diese Struktur, während sich Interlaken nebenan mit grossen Hotels und Reisebüros füllte.
Das Ergebnis ist eine eigenartige lokale Geografie: Die “echte” Altstadt liegt rund 400 Meter von den Fünf-Sterne-Hotels am Höheweg entfernt, jenseits eines Flusses, den die meisten Besucher nur überqueren, um einen Supermarkt oder ein günstigeres Gasthaus zu erreichen. Dieser Guide zeigt, was dort tatsächlich zu finden ist – die Untere Gasse, die Kirche von 1471, der Stadthausplatz und das Tourismusmuseum – und warum der Preisunterschied zwischen einer Übernachtung hier und einer am Seeufer genauso real ist wie die Sehenswürdigkeiten selbst.
Die Untere Gasse: die Strasse, die Interlaken nicht hat
Die Untere Gasse ist Unterseens Rückgrat, eine schnurgerade Strasse mit hohen, dunkel getäferten Häusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert, deren Erdgeschosse aus Stein und deren Obergeschosse holzverschindelt oder mit verwittertem Brett verkleidet sind. Nichts daran wurde für den Tourismus umgebaut, wie es an Teilen des Höhewegs geschehen ist; die Strasse funktioniert weiterhin als ganz normale Strasse, mit einer Bäckerei, ein paar Restaurants und Privathäusern hinter den Fensterläden.
Holzhäuser in diesem Alter und dieser Dichte sind für die Region ungewöhnlich – die meisten Dörfer des Berner Oberlands verloren ihre alten Kerne durch Brände –, und dass Unterseen erhalten blieb, liegt vor allem daran, dass es eine richtige ummauerte Stadt war und keine verstreute Siedlung.
Die gesamte Länge abzulaufen dauert ohne Halt rund zehn Minuten, doch die Details lohnen ein langsameres Tempo: geschnitzte Türstürze mit Jahreszahlen aus den 1600ern, kleine Erkerfenster und gelegentliche Durchgänge zum Flussufer. Am schönsten fotografiert es sich am Morgen, bevor die nachmittäglichen Besuchermassen Richtung Harder Kulm-Standseilbahn oder zu den Kursschiffen ziehen, und sie zählt zu den wenigen wirklich ruhigen Strassen auf dem gesamten Bödeli in der Hochsaison.
Stadthausplatz und das Rathaus
Am westlichen Ende der Altstadt öffnet sich die Untere Gasse zum Stadthausplatz, einem bescheidenen Platz rund um das Stadthaus – Unterseens Rathaus, das nach wie vor für Gemeindegeschäfte genutzt wird und nicht als Museumsstück konserviert ist. Der Platz ist nach den Massstäben grösserer Schweizer Städte wie Thun oder Bern klein, hat aber dieselben Grundzutaten: einen Brunnen, eine Reihe von Fassaden aus verschiedenen Jahrhunderten nebeneinander ohne grossen Versuch der Einheitlichkeit, und genug Platz für einen Wochenmarkt und gelegentliche lokale Veranstaltungen.
Das ist das deutlichste Zeichen dafür, dass Unterseen eine selbstverwaltete Gemeinde war und bis heute ist, statt eine Erweiterung eines Ferienorts. Interlaken hat kein Äquivalent zu einem solchen bürgerlichen Platz; sein öffentlicher Raum ist die Hohematte-Wiese, die nie für Märkte oder Ratsversammlungen gedacht war, sondern nur zum Weiden und, in jüngerer Zeit, für Gleitschirmlandungen. Der Stadthausplatz ist für die meisten Besucher ein Fünf-Minuten-Halt, doch er ist der eindeutigste Beleg dafür, dass Unterseens Geschichte auf einem anderen Gleis verläuft als jene Interlakens.
Die Kirche von 1471
Neben dem Platz steht Unterseens reformierte Pfarrkirche, erbaut 1471 an der Stelle einer früheren Kapelle, die mit der Augustinerstiftung jenseits des Flusses verbunden war. Sie ist eher schlicht als prachtvoll – weiss getünchte Wände, eine funktionale gotische Struktur, keine aufwendige Fassade –, doch sie zählt zu den ältesten Gebäuden auf dem gesamten Bödeli, die noch im alltäglichen Gebrauch stehen, und ist damit rund vier Jahrhunderte älter als jedes Hotel am Höheweg. Der Turm ist von mehreren Punkten entlang der Unteren Gasse und vom Flussufer aus sichtbar und verleiht Unterseens Silhouette ein völlig anderes Bild als die Hoteldächer und den Kirchturm auf der Südseite des Flusses in Interlaken.
Das Innere ist ausserhalb der Gottesdienste meist zugänglich und der Besuch kostet nichts. Es ist keine grosse Sehenswürdigkeit wie das Berner Münster oder die Klosterkirche in Interlaken; die fünf Minuten lohnen sich vor allem, weil sie das Argument stützen, dass diese Flussseite lange vor dem Tourismus ein eigenes, gefestigtes Leben hatte.
Das Tourismusmuseum im alten Propsteigebäude
Unmittelbar neben der Kirche, in einem Gebäude, das ihre Ursprünge aus dem 15. Jahrhundert teilt, befindet sich das Touristikmuseum der Jungfrau-Region – das Museum, das erklärt, wie aus einem Bauerntal eines der ersten touristischen Reiseziele der Alpen wurde. Die Ausstellungen behandeln die Ankunft britischer und anderer ausländischer Reisender im frühen 19. Jahrhundert, den Bau der ersten Hotels, den Bau der Jungfraubahn bis 1912 und die Ausrüstung – Alpenstöcke, frühe Kletterausrüstung, Reiseführer, Hotelregister –, die zeigt, wie gezielt sich die Region schon sehr früh vermarktete.
Es ist ein kleines Museum, realistisch 45 Minuten bis eine Stunde, und es erklärt weit besser, warum Interlaken so aussieht, wie es aussieht, als alles, was man beim Spaziergang über den Höheweg selbst mitbekommt. Kombiniert mit Kirche und Unterer Gasse wird die Altstadt zu einem wirklich lohnenden halben Tag statt nur zu einer Abkürzung zwischen Gasthaus und Bahnhof. Mehr Hintergrund dazu, wie die Identität des gesamten Tals entstand, bietet der Guide zu Interlakens Geschichte und Museen.
Matten: die ruhige Hälfte des Bödeli
Südlich und östlich von Unterseen, angrenzend an Interlaken selbst, liegt Matten – eine Wohngemeinde ohne eigene Altstadt, aber mit einer realen Rolle dabei, wo die Menschen tatsächlich übernachten. Matten hat weniger grosse Hotels als Interlaken und nichts von Unterseens mittelalterlichem Kern; stattdessen gibt es Strassen mit Gasthäusern, chaletartigen B&Bs, ein paar Campingplätze und einen leichten Zugang zur Lütschine und zu den flachen Wegen Richtung Wilderswil und zur Basis des Jungfraubahn-Netzes. Es ist kein Sightseeing-Ziel, doch für alle, die auf ihre Franken achten, zählt es ebenso viel wie Unterseen, denn ein grosser Teil der günstigen Betten auf dem Bödeli liegt innerhalb seiner Grenzen.
Warum Betten hier günstiger sind als am Höheweg
Der Preisunterschied zwischen dem Höheweg und Unterseen oder Matten ist kein Marketingtrick – er ergibt sich schlicht daraus, wofür die Gäste tatsächlich bezahlen. Die Hotels am Höheweg liegen direkt an der Hohematte-Wiese mit freier Sicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau, in Gebäuden, die seit dem 19. Jahrhundert genau für diese Aussicht gebaut wurden. Unterseen und Matten liegen einige hundert Meter zurückversetzt, jenseits des Flusses oder entlang gewöhnlicher Wohnstrassen, ohne vergleichbare Sichtachse und meist mit älteren, kleineren, familiengeführten Betrieben statt grossen Hotels mit seeseitigen Terrassen.
| Hotels am Höheweg | Gasthäuser in Unterseen / Matten | |
|---|---|---|
| Distanz zu Interlaken West | 2-8 Min. zu Fuß | 10-15 Min. zu Fuß |
| Typisches Doppelzimmer | CHF 220-450+ | CHF 90-160 |
| Aussicht | Jungfraumassiv, Hohematte | Altstadtstrasse oder Wohngebiet |
| Baualter/Stil | Grand Hotel aus dem 19. Jahrhundert | Stadthaus aus dem 17.-19. Jahrhundert oder modernes Gasthaus |
| Frühstück inklusive | Oft, teils gegen Aufpreis | Meist inklusive |
Die Preise schwanken mit der Saison – am höchsten im Juli, August und über die Weihnachtswochen, spürbar günstiger im November oder März –, doch der Abstand zwischen den beiden Flussseiten bleibt ziemlich konstant. Eine vollständige Übersicht, wo welches Budget auf dem Bödeli landet, bietet der Guide zu Unterkünften in Interlaken sowie der umfassendere Guide zu den Reisekosten in Interlaken.
Hinkommen und sich fortbewegen
Unterseen und Matten liegen nah genug an beiden Bahnhöfen, dass sich Auto oder Taxi kaum lohnen. Ab Interlaken West sind es rund 10 Gehminuten über den Fluss zur Unteren Gasse; ab Interlaken Ost eher 15-20 Minuten oder eine kurze Busfahrt. Die Lokalbusse 102 und 21 verbinden beide Bahnhöfe alle 10-20 Minuten mit Unterseen und Matten und sind in Interlakens Gästekarte für alle enthalten, die vor Ort übernachten, was die zusätzliche Distanz vom Höheweg in der Praxis unbedeutend macht.
| Von | Zum Stadthausplatz | Verkehrsmittel |
|---|---|---|
| Interlaken West | ~10 Min. | Zu Fuß |
| Interlaken Ost | ~15-20 Min. | Zu Fuß |
| Interlaken West | ~5 Min. | Bus 102/21 |
| Höheweg (Zentrum) | ~10-12 Min. | Zu Fuß |
Vor Ort liegt alles Sehenswerte innerhalb eines Fünf-Minuten-Radius um die Untere Gasse, sodass die Stadt selbst keine Verkehrsmittel braucht. Für eine längere Runde entlang des Flusses und Richtung Brienzersee ist eine E-Bike-Route durch Unterseen und am Wasser entlang eine angenehme Möglichkeit, mehr Strecke abzudecken als die Altstadt allein erlaubt.
eine E-Bike-Fahrt durch Unterseen mit Halt zur lokalen Käseverkostung
Essen, trinken und den Tag ausklingen lassen
Die Altstadt hat eine Handvoll unkomplizierter Restaurants und Cafés entlang der Unteren Gasse und rund um den Stadthausplatz – nichts, das gezielt auf Reisegruppen ausgerichtet ist, was Teil des Reizes ist. Die Preise liegen tendenziell etwas unter vergleichbaren Adressen am Höheweg, passend zum allgemeinen Kostenmuster dieser Flussseite. Ein umfassenderes Bild, wo man gut isst, ohne zu viel zu zahlen, bieten der Interlaken-Restaurantguide und der eigene Guide zum günstigen Essen in Interlaken, beide mit Optionen in bequemer Gehdistanz zu Unterseen.
Wer den Tag einfach damit verbringen möchte, die Altstadt zu sehen und die Beine zu vertreten, ohne mehr als einen Kaffee auszugeben, kann den hier beschriebenen Spaziergang gut mit den Uferwegen aus dem Guide zu einfachen flachen Spaziergängen rund um Interlaken verbinden – ein wirklich kostenloser Nachmittag, den die meisten Besucher gar nicht kennen, obwohl er wenige Minuten vom eigenen Hotel entfernt liegt. Er passt zudem gut zur breiteren Liste im Guide zu kostenlosen Aktivitäten in Interlaken.
Wer an diesem Tag lieber mehr vom Wasser als von den Strassen sehen möchte, kann mit einer kurzen Kreuzfahrt ab dem nahen Interlaken den Tag auf dem Thunersee selbst verlängern.
eine private dreistündige Bootstour auf dem Thunersee mit inbegriffenen Erfrischungen
Unterseen und Matten in einen längeren Aufenthalt einbauen
Für einen ersten Besuch, der sich um die Bergbahnen dreht, funktionieren Unterseen und Matten am besten als halbtägiger Zusatz – etwas, das einen Vormittag vor einem Nachmittag auf dem Harder Kulm oder einen Ruhetag zwischen grösseren Ausflügen füllt. Ein typisches Zweitages-Programm nimmt das problemlos auf; siehe die Interlaken 2-Tage-Reiseroute dafür, wie es sich neben die grösseren Ausflüge einfügt.
Für alle mit knapperem Budget lohnt es sich jedoch, hier eher zu übernachten als nur durchzureisen. Wer in Unterseen oder Matten schläft und für Züge und Boote nach Interlaken läuft oder den Bus nimmt, verliert dabei nichts an Zeit und spart über mehrere Nächte spürbar Geld – die Rechnung dazu im Detail im Guide zum günstigen Reisen in Interlaken. So oder so lohnt es sich, den Sehenswürdigkeiten hier einen richtigen Blick zu widmen, statt die Flussüberquerung nur als reine Durchreise zu behandeln, denn das meiste, was Unterseen ausmacht – die Strasse, der Platz, die Kirche, das Museum –, liegt im selben Fünf-Minuten-Radius, den die meisten Menschen ohne Halt durchqueren.
Wer mehr Zeit hat, kann dieselbe Flussrichtung weiter Richtung Brienzersee ausdehnen, wo Landschaft und Altstadt-Kontrast in einem anderen Register weitergehen.
eine E-Bike-Route ab Interlaken hinaus nach Iseltwald und zu den Giessbachfällen
Einen breiteren Blick darauf, wie Unterseen im Vergleich zu anderen Sightseeing-Optionen auf dem Bödeli abschneidet, bieten die Kategorie Stadtbesichtigungen und der allgemeine Guide zu Tagesausflügen ab Interlaken, die beide nützlichen Kontext dazu liefern, wo diese bescheidene Altstadt im Verhältnis zu den grösseren Attraktionen der Region steht – und warum der zehnminütige Fussweg dorthin auf jeden Fall lohnt.
Praktische Fragen zu Unterseen und Matten
Ist Unterseen dasselbe wie Interlaken?
Nein. Unterseen ist eine eigene Gemeinde, älter als Interlaken, am Nordufer der Aare. Interlaken wuchs um das Augustinerkloster am Südufer herum; Unterseen wurde 1279 als befestigte Stadt gegründet und behielt seinen eigenen Strassenplan, seine Kirche und sein Rathaus. Mit Matten zusammen bilden sie heute das zusammengewachsene Gebiet, das die Einheimischen das Bödeli nennen, doch Unterseen hat sich stets selbst verwaltet.
Was gibt es in der Altstadt von Unterseen zu sehen?
Der Kern ist klein: die Untere Gasse mit ihrer Reihe dunkel getäferter Häuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert, der Stadthausplatz mit dem Rathaus, die 1471 erbaute reformierte Kirche und das Touristikmuseum der Jungfrau-Region im ehemaligen Propsteigebäude neben der Kirche. All das lässt sich in unter einer Stunde ablaufen, wobei Museum und Kircheninnenraum zusätzliche Zeit brauchen.
Wie alt ist die Kirche in Unterseen?
Das heutige Kirchengebäude stammt aus dem Jahr 1471 und ersetzte eine frühere Kapelle, die mit der Augustinerstiftung jenseits des Flusses verbunden war. Es ist eines der ältesten intakten Gebäude im Raum Interlaken, das noch alltäglich genutzt wird, und seine schlichte gotische Form bildet einen nützlichen Kontrast zu den prunkvollen Hotelfassaden am Höheweg.
Warum sind Unterkünfte in Unterseen und Matten günstiger als am Höheweg?
Die Hotels am Höheweg liegen direkt an der Hohematte-Wiese mit Sicht auf See und Berge, wofür die Gäste den Aufpreis zahlen. Unterseen und Matten liegen einige hundert Meter zurückversetzt, ohne Seeblick und mit älteren, kleineren Gebäuden, sodass Gasthäuser und B&Bs dort spürbar niedrigere Preise verlangen – bei praktisch gleicher Gehdistanz zu den Bahnhöfen und den Bergbahnen.
Wie komme ich von Interlaken nach Unterseen?
Zu Fuß sind es 10-15 Minuten ab dem Bahnhof Interlaken West oder vom Höheweg über eine der Fußgängerbrücken über die Aare. Die Buslinien 102 und 21 verkehren zudem alle 10-20 Minuten von beiden Interlakener Bahnhöfen durch Unterseen und Matten, was vor allem bei schlechtem Wetter oder mit Gepäck mehr zählt als für den reinen Fußweg.
Lohnt sich ein separater Besuch von Matten neben Unterseen?
Matten hat keine eigene Altstadt wie Unterseen, dafür aber die ruhigeren Wohnstraßen, mehrere Gasthäuser und Campingplätze der Region sowie einen näheren Zugang zur unteren Lütschine und den Wegen Richtung Wilderswil. Die meisten Besucher sehen es eher im Vorbeigehen als als eigenes Ziel, außer wenn sie dort übernachten.
Wie viel Zeit brauche ich für Unterseen und Matten?
Zwei bis drei Stunden reichen in gemütlichem Tempo für die Untere Gasse, den Stadthausplatz, die Kirche und das Museum. Für einen Kaffee am Fluss oder einen Spaziergang entlang der Aare Richtung Brienzersee eine weitere Stunde einplanen. Viele budgetbewusste Reisende übernachten hier einfach zwei oder drei Nächte und pendeln für die Bergbahnen nach Interlaken.


